Gespräch über das Strafverteidigen mit Prof. Dr. Jürgen Wessing
Was hätten Sie gerne vor Ihrem ersten eigenen Strafmandat gewusst?
Ich hätte gerne gewusst, dass erfolgreiche Verteidigung weniger Kenntnis des Strafgesetzes als der Strafprozessordnung erfordert. Natürlich muss ich die neueste Rechtsprechung im jeweiligen strafrechtlichen Spezialgebiet kennen, es ist aber wie bei einem Chirurg: Strafrecht ist das Instrument - Skalpell, Schere, manchmal auch die Herz-Lungen-Maschine - der Strafprozess, das sind die Hände des Chirurgen und seine Kenntnis vom Einsatz der Instrumente.
Was sind die drei häufigsten Anfängerfehler in der Strafverteidigung?
- Zu glauben, dass der Mandant alle seine Kenntnisse über den Sachverhalt auf den Tisch legt. Gerade in Fällen, in denen es um Peinlichkeiten geht, muss erst ein Vertrauensverhältnis geschaffen werden, indem überhaupt die Annäherung an die Kenntnis des Mandanten möglich ist. Das ist nicht notwendig böswillig, Verdrängung ist aber ein ganz starkes Moment, wenn man mit angeblichem Fehlverhalten konfrontiert wird.
- Zu glauben, dass der Richter unvoreingenommen ist. Das kann er gar nicht, die Psychologie verstellt ihm das. Ankereffekt und kognitive Dissonanz sorgen dafür, dass der Blick des Richters auf den Sachverhalt negativ vorgeprägt ist. Vor allem in größeren Verfahren muss die Verteidigung sehr früh gegen diese Affekte angehen und in die Akte schreiben.
- Zu glauben, dass man mit einer dünnen Akte die Vorbereitung am Tag vor der Hauptverhandlung beginnen kann. Gerade schmale Sachverhalte sind oft auch nicht vollständig. Das aufzuklären - und sei es, sich an einen Zebrastreifen zu stellen und die Polizei Skizze mit der Realität zu vergleichen - gelingt nur mit den nötigen Vorlauf.
Herr Prof. Dr. Wessing, sollte ich mich innerhalb des Strafrechts spezialisieren und wenn ja, ab wann?
Eine Spezialisierung sollte möglichst früh erfolgen. Ich kann allerdings nur jedem raten, nicht "drauflos" zu verteidigen und seine Mandanten nicht zum Testobjekt zu machen. Meine Empfehlung: Sprechen Sie mit etablierten Verteidiger:innen und bieten an, in komplexen Fällen als Pflichtverteidiger an deren Seite zu stehen. Nützlich ist auch, „kleine“ Fälle - beispielsweise im Verkehrsbereich - so genau aufzuarbeiten, als ginge es um Mord. Also genaue Kenntnis der Akten und anzweifeln jeder dem Mandanten vorgeworfenen negativen Tatsache.
Umgang mit schwierigen Mandanten: Wie setzt man Grenzen, ohne das Mandat zu verlieren?
Grundsatz: Lieber ein Mandat verlieren, als sich in die Hände des Mandanten zu begeben. Die Frage nach der Übergabe des Briefes der (angeblichen) Ehefrau an den Inhaftierten ist ein Beispiel dafür. Der klare Satz, dass man Verteidiger ist und nicht Postbote kann auch so formuliert werden, dass das Mandatsverhältnis nicht belastet ist. Gerade schwierige Mandanten müssen mit großer Klarheit behandelt werden. Hoffnungen machen, die absehbar enttäuscht werden, ist die sicherste Methode, ein Mandat zu verlieren. Beliebt bei Mandanten ist auch, die Frage nach der Barzahlung mit der Frage nach der Mehrwertsteuer zu verbinden. In einem solchen Fall ist der Hinweis, dass man Strafsachen verteidigt, aber nicht begeht, in freundlicher Form die einzig mögliche Reaktion!
Was sind die Dos and Don'ts im Mandantengespräch?
Zugewandt sein. Wer zu Ihnen kommt, steckt in einer Krise. Er will von einem Menschen, der über einen nicht unwesentlichen Teil seines Schicksals mitentscheidet, respektiert werden. Das bedeutet nicht, dass sie die erforderliche Empathie überschreiben. Das Hinterfragen von Tatsachenvorträgen des Mandanten in respektvoller und klarer Form ist die Grundlage einer effizienten Verteidigung.
Kein Mandant wird es mögen und als Mandant lange bleiben, wenn sich die Verteidigung "auf das hohe Ross schwingt" oder gar moralische Urteile über das Verhalten des Klienten abgibt. Wenn ich als Verteidiger erkenne, dass ich mit dem vor mir sitzenden Menschen nicht zurecht komme (oder auch mit demjenigen was ihm vorgeworfen wird) ist die Weiterleitung an eine Kollegin oder Kollegen, die solche Fälle beherrschen, der richtige Weg.
Pflichtverteidigung annehmen - ja oder nein?
Auf jeden Fall. Zu Anfang einer Verteidigerkarriere muss man den Umgang mit Gerichtsverhandlungen erlernen und das auch in der Realität. Eine bessere Schule gibt es nicht. Optimal: Siehe oben, zusammen mit einem erfahrenen Wahlverteidiger.