Laura Leweke über Strafverteidigung zwischen vertrauensvollem Mandantenverhältnis und moderner Mandatsarbeit

Die Hamburger Strafverteidigerin Laura Leweke spricht über schwierige Mandantengespräche, die Tätigkeit als Strafverteidigerin und wie moderne Mandatsarbeit funktioniert.

Wie gewinnt man das Vertrauen eines Mandanten, der Angst hat oder lügt?

Ich versuche, meinen Mandant:innen stets empathisch und zugewandt entgegenzutreten sowie eine möglichst angenehme Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Wenn ich merke, dass es meinem Gegenüber schwerfällt, sich zu öffnen und ich das im konkreten Fall für erforderlich halte, spreche ich das offen an. Ich erkläre, dass es mein Job ist, mich bestmöglich auf die Verteidigung vorzubereiten und dafür auch unangenehme oder intime Informationen kennen muss, um Risiken realistisch einschätzen und die richtigen strategischen Entscheidungen treffen zu können. Dabei betone ich, dass ich keine moralische Bewertung vornehme und mich beruflich bedingt nur wenig schockieren kann. Erscheint mir eine Schilderung nicht nachvollziehbar, spreche ich das an. Ich sage dann offen, dass ich Schwierigkeiten habe, der Darstellung zu folgen und mir vorstellen kann, dass es der Staatsanwaltschaft bzw. dem Gericht womöglich ähnlich gehen könnte. Die meisten Mandant:innen nehmen das als Anstoß, noch einmal in sich zu gehen. Manchmal kann es auch sinnvoll sein, ein Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen.

Woran erkennt man früh, ob jemand für die Tätigkeit als Strafverteidiger:in geeignet ist?

Es kann nicht schaden, eine gewisse Beharrlichkeit und Frustrationstoleranz mitzubringen. Wer keine Konflikte aushalten, nicht mit Rückschlägen, komplexen Persönlichkeiten und Druck umgehen kann, ist in der Verteidigung nicht richtig aufgehoben. Zudem sollte man aus meiner Sicht von Anfang an offen sein: für die (mitunter sehr andere) Lebensrealität der Mandant:innen, interdisziplinäre Zusammenhänge und den ehrlichen kollegialen Austausch. 

Außerdem beeindrucken mich die Kolleg:innen, die es früh schaffen, ihre fachlichen Kenntnisse in besonderem Maße mit strategischem Denken, sicherem Auftreten und klarer Kommunikation zu verbinden.

Woran merkt man, dass man besser wird?

Das erkennt man daran, dass man weiterempfohlen wird, insbesondere natürlich von Mandant:innen und Kolleg:innen. Außerdem merkt man, dass man souveräner wird, wenn man auch vor besonders wichtigen (Hauptverhandlungs-)Terminen ruhiger schläft.

Welche Bücher, Mentoren oder Erfahrungen haben Sie am meisten geprägt?

Ich kann das Buch „Widerspruch. Als Strafverteidiger in politischen Prozessen“ von dem letztes Jahr verstorbenen Kollegen Hartmut Wächtler sehr empfehlen. Auch wenn man selbst nicht in politischen Prozessen verteidigt, ermutigt dieses Buch dazu, die Strafverteidigung nicht nur als Beruf, sondern auch als Haltung zu verstehen und sich Ungerechtigkeiten sowie Systemfehlern unnachgiebig entgegenzustellen. Außerdem muss ich immer wieder an meine erste umfangreiche Hauptverhandlung vor dem Landgericht Hamburg – gemeinsam mit dem Kollegen Christoph Henckel – denken. Diese fast ein Jahr andauernde Hauptverhandlung war von verschiedenen Herausforderungen geprägt, die wir letztlich gemeinsam sehr gut auflösen konnten. Besonders wichtig ist mir auch das Netzwerk aus Strafverteidigerinnen. Aus diesem Austausch und der gegenseitigen Unterstützung ziehe ich sehr viel.

Wie kann der Einsatz von KI den Berufsalltag erleichtern?

Ich finde KI insbesondere in der Hauptverhandlung hilfreich, wenn ich in umfangreichen Aktenbeständen schnell ein ganz bestimmtes Dokument finden muss, um es beispielsweise einem Zeugen im Rahmen seiner Vernehmung vorhalten zu können. Außerdem nutze ich KI regelmäßig beim Strukturieren von Erstgesprächen oder als Ausgangspunkt für tiefergehende Recherchen.

Welche Fähigkeiten lernen junge Juristen im Studium gar nicht, obwohl diese für die Tätigkeit als Strafverteidiger:in entscheidend sind?

Während man im Studium vor allem lernt, juristische Probleme dogmatisch sauber zu lösen, sind für die Strafverteidigung häufig ganz andere Fähigkeiten entscheidend: schwierige Gespräche führen zu können, Menschen richtig einzuschätzen, auch unter Druck ruhig zu bleiben und in den unterschiedlichsten Situationen angemessen aufzutreten.