Dr. Frédéric Schneider über den erfolgreichen Einstieg in die Strafverteidigung

Viele junge Kolleg:innen haben Respekt vor ihrer ersten Hauptverhandlung. Wie kann man sich hierauf sinnvoll vorbereiten?

Grundlegend ist sicherlich, die Akte und das anstehende Beweisprogramm möglichst gut zu kennen. Vorbereitung schafft Souveränität. Wer gut vorbereitet ist, ist auch als Berufsanfänger:in besser als Kolleg:innen mit Erfahrung, die nicht im Sachverhalt sind.

Außerdem gute Kommunikation mit den Mandanten, damit diese wissen, was überhaupt erreichbar ist. Mandant:innen die Abläufe zu erklären, gibt einem zudem Souveränität, weil man merkt, dass man in diesem Verhalten der Experte ist.

Schließlich sich zu vergegenwärtigen, dass man in der Hauptverhandlung nahezu immer Zeit hat, durchzuatmen und nachzudenken. Der spontane rhetorische oder strafprozessuale Kniff, auf den der sofortige Freispruch folgt, ist nur etwas für TV-Formate.

Wenn du heute noch einmal am Anfang deiner Karriere stündest: Was würdest du bewusst genauso machen und was würdest du anders angehen?

Obwohl ich es liebe, selbständig zu sein, würde ich erneut versuchen, zunächst als angestellter Rechtsanwalt von erfahrenen Strafverteidiger:innen zu lernen.

Auch als solcher würde ich allerdings direkt von Beginn an daran arbeiten, welche eigenständige Anwaltspersönlichkeit ich sein will und was meine Verteidigung ausmachen soll.

Welche Eigenschaften unterscheiden aus deiner Sicht gute von außergewöhnlich guten Strafverteidiger:innen?

Gute Strafverteidiger:innen sind fleißig, penibel, wissbegierig und fit im materiellen Strafrecht sowie im Strafprozessrecht.

Außergewöhnlich gute Strafverteidiger:innen haben eine besondere Fähigkeit, die sie von anderen abhebt und die sie zu ihrem Verteidigungsstil machen. Das kann alles Mögliche sein: ein außergewöhnlich ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, eine besonders scharfe Beobachtungs- und Ausdrucksfähigkeit, Charme oder natürliche Überzeugungskraft. Wer erkennt, was er kann, und es gezielt für sich nutzt, ist außergewöhnlich gut.

Welche Erfahrungen außerhalb des Strafrechts haben dir später als Verteidiger besonders geholfen?

Die Kindheit und Jugend in einem sehr durchschnittlichen Lebensumfeld, in dem ich sowohl die Sozialisierung in schwierigeren als auch in privilegierten Umfeldern beobachten durfte. Diese Erfahrungen helfen mir heute, die Lebenswirklichkeiten sehr vieler Menschen nachzuvollziehen und sie für andere Jurist:innen, denen diese Erfahrungen fehlen, zu übersetzen.

Wie gehst du mit Mandanten um, die unrealistische Erwartungen an den Ausgang eines Verfahrens haben?

Eine sehr klare, an den Umständen des Sachverhalts orientierte und fundierte Einschätzung. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, dass Mandant:innen regelmäßig gut mit ungewünschten, aber ehrlichen Einschätzungen umgehen können.

Wer etwas verspricht, von dem er von Anfang an weiß, dass er es nicht halten kann, macht aus meiner Sicht einen schlechten Job. Wer dann im Schulterschluss mit den Mandanten zu Unrecht Ungerechtigkeiten moniert, schadet unserer Profession.

Wenn man sich mit Mandant:innen überhaupt nicht auf einen gemeinsamen realistischen Verfahrensausgang einigen kann, sollte man ein Mandat ablehnen. Man wird nie das erreichen, was erwartet wird, und immer die Schuld hierfür bekommen.

Viele junge Jurist:innen empfinden das Wirtschaftsstrafrecht als besonders komplex. Wie gelingt aus deiner Sicht der Einstieg in dieses Rechtsgebiet?

Aus der Komplexität folgt die größte Chance. Es gibt in komplexen wirtschaftsstrafrechtlichen Verfahren gerade wegen der Komplexität nahezu immer tatsächliche oder rechtliche Verteidigungsansätze. Wer sich mit diesem Gedanken anfreundet, fängt an, Komplexität zu begrüßen.

Im Übrigen kann man in keinem anderen strafrechtlichen Bereich auch nur im Ansatz so viel von den Mandanten lernen, die einem zur erfolgreichen Verteidigung dezidiert erklären müssen, wie Abläufe, technische Einrichtungen etc. funktionieren, damit man erfolgreich verteidigen kann.

Welche Fehler machen junge Anwält:innen häufig beim Aufbau ihres beruflichen Netzwerks?

Ich glaube, der einzige Fehler beim Netzwerken kann sein, es nicht zu tun. Auch hier sollte man aber nicht versuchen, andere zu kopieren, sondern schauen, was sich natürlich und unverkrampft anfühlt.

Wie wichtig sind heute Sichtbarkeit, Veröffentlichungen und Vorträge für eine Karriere als Strafverteidiger:in?

Wie gesagt, bin ich fest davon überzeugt, dass es viele verschiedene Wege gibt, als Strafverteidiger:in Karriere zu machen. Ich tue mir daher schwer, bestimmte Aspekte als Allheilmittel anzupreisen. Wer seinen Job gut und engagiert macht, wird erfolgreich sein, wenn er auch beim Werben für sich authentisch ist.

Du hast deine Dissertation zur Organ- und Vertreterhaftung im deutschen Strafrecht geschrieben. Wie wichtig ist wissenschaftliches Arbeiten für deine Tätigkeit als Strafverteidiger und würdest du jungen Juristen heute noch zu einer Promotion raten?

Eine Dissertation hilft einem jedenfalls, die Leidensfähigkeit und das Durchhaltevermögen zu schulen. Sicher Eigenschaften, die als Verteidiger:in helfen.

Außerdem habe ich das Gefühl, dass der Titel als junger Verteidiger geholfen hat, das Vertrauen der meist älteren Mandant:innen zu gewinnen. Die Fähigkeit zu analytischem, wissenschaftlichem Arbeiten selbst hilft sicher auch als Anwalt, lässt sich aber aus meiner Sicht auf keinen Fall allein über eine Promotion erlernen.

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